Rede im Römer zum CSD 2018

Sehr geehrte Frau Weber, liebe Stadtverordnete, liebe alle, die ihr hier seid, liebe Community

Ein Forscher bot Kindern eines afrikanischen Stammes ein Spiel an Er stellte einen Korb mit süßen Früchten an einen Baum und sagte ihnen, wer zuerst dort sei, gewinne alles Obst. Als er ihnen das Startsignal gab, nahmen sie sich gegenseitig an den Händen, liefen gemeinsam los, setzten sich dann zusammen hin und genossen die Leckereien. Als er sie fragte, weshalb sie alle zusammen gelaufen sind, wo doch jeder die Chance hatte, die Früchte für sich selbst zu gewinnen, sagten sie: „Ubuntu – Wie kann einer von uns froh sein, wenn all die anderen traurig sind?“

Ubuntu heißt in ihrer Kultur: „Ich bin, weil wir sind“.“

Ich habe mich lange gefragt, was ich heute hier wohl ansprechen sollte. Es gibt viel Kritik, auf vielen Seiten. Die einen wollen das Sternchen, die anderen nicht, die einen wollen es politischer, die anderen nicht, hier zu viel Präsenz weißer homosexueller CIS Menschen, da genervt über so viel politische Korrektheit. Und die Community, die Gemeinschaft, die gibt’s doch eh nicht mehr. Wenige machen viel und der Rest schaut zu oder feiert mit, oder?

Spätestens seit der Ausstellung zum 25. Jubiläum des CSDs im vergangenen Jahr weiß ich zumindest, dass es derlei Diskussionen schon immer gab. Heute nur kann es dann auch jeder Mensch mitteilen, dank Facebook und Co.

Zu den ersten Jahren des CSDs wurde ebenfalls hart diskutiert und trefflich darüber gestritten, wer denn jetzt was und wie zu machen oder auch zu lassen hätte. Hier zu viel Kommerz, da zu wenig Community, hier die Öffnung, da die Abschottung. Das gehört also wohl zum Geschäft, nicht nur der CSDs, und es zeigt vor allem, dass wir alle völlig normal sind, auch wenn das der einen oder dem anderen sicher gar nicht so recht ist – normal sein.

Aber genau das sind wir: Ein bunter Haufen an Menschen, die das Glück haben, neben der allgemeinen Normverfehlung, die allen 7 Milliarden Menschen ja doch irgendwie innewohnt, doch noch einen Tacken anders zu sein. Sei es in der Sexualität oder der Geschlechtlichkeit. Verwunderlich nach wie vor, welch ein Getöse aus diesem Unterschied weltweit immer noch gemacht wird, manchmal auf beiden Seiten.

Ein Getöse aber, dem wir uns dann eben doch auch immer wieder stellen müssen, gerade dann, wenn es, wie derzeit, wieder hoffähig wird. Am besten gemeinsam. Ubuntu.

Ich frage mich, ob denn das, was wir Community nennen und was wir heute an der ein oder anderen Stelle dann doch vermissen je wirklich besser oder enger war, als es heute ist? Und bevor wir wieder in den allgemeinen Canon einsingen, dass dem so war, möchte ich sagen: Nein, war es nicht. Früher, das hört sich so lange her an, ist es aber gar nicht, hatten wir sicher ein paar mehr Plätze, an denen wir uns treffen konnten und auch mussten, wollten wir nicht zölibatär leben. Wo wir, wie Michael Holy es letztens in einem gemeinsamen Gespräch so treffend sagte, wo wir die Erotik leben konnten, sagen konnten, „Wow, das ist ein Kerl oder eine Frau oder ein Mensch!“ Plätze, an denen man auch mal gemeinsam über jemanden reden konnten, wenn schon nicht mit ihm. Auch lästern gehört zum Zusammenhalt einer Gemeinschaft und ist im übrigen weit weg von politisch unkorrekt.

Die Community war sicher etwas versteckter, weil alles auch noch etwas ungeduldeter war.

Aber wir sollten wir uns nicht täuschen lassen. Es starben genauso einsame queere Menschen und es gab genauso oberflächliche Gespräch die, wenn sie beendet waren, einen alleine nach Hause gehen ließen.

Und: Wir haben immer noch Begegnungsplätze in Frankfurt, Kneipen, Bars, Saunas, wir haben die Partys und unsere Feste.

Wir können uns begegnen … wenn wir es wollen. Ich bin mir nur nicht sicher, ob wir es wirklich wollen.

Das Internet, höre ich es dann rufen, und ja, vielleicht ist es das Internet, das uns glauben macht, wir müssten tatsächlich nur ein paar Vorlieben irgendwo eintragen, tolle Fotos dazu, ein zwei buttons gedrückt und los geht’s. Doch Community, Gemeinschaft, funktioniert eben doch noch anders.

Ihr Maß ist die Zeit. Zeit, die ich verbringen muss mit anderen, um sie kennenzulernen, lieben- oder auch nicht lieben zu lernen. Diese Zeit kann ich nicht an einem Tag Aidshilfe Sommerfest oder drei Tagen CSD nachholen. Community, Gemeinschaft braucht Interesse aneinander, braucht die Lust, sich zu engagieren, ist keine One-human-Show.

Und sie braucht vor allem etwas Gemeinsames, eine Identität.

 

„Meine Identität ist nicht verhandelbar“ – so lautet unser diesjähriges Motto.

Es geht um die Verhandlungen, die trangeschlechtliche Menschen mit Psychologen und Verwaltungsbeamt*innen zu führen haben, weil sie mit dem angeborenen Geschlecht nicht im Einklang stehen und sich eben einem anderen Geschlecht zugehörig fühlen.

Es geht um lesbische Frauen und schwule Männer, die eine Familie gründen wollen, mit Kindern, und diese Familienidentität rechtfertigen müssen.

Es geht um lesbische Mütter und Schwule Väter, die sich rechtfertigen müssen, weil Sie mit dem Einverständnis aller Beteiligten beides leben – Familie und Homosexualität.

Es geht um lesbische und schwule Menschen, die mit sogenannten Psychologen darüber verhandeln müssen, ob sie nicht doch heilbar sind.

Es geht um intergeschlechtliche Menschen, die oft nicht mal die Möglichkeit haben, über ihr Geschlecht zu verhandeln.

Es geht um die vielen Identitäten des Geschlechts und der Sexualität, über die wir mit besorgten Eltern verhandeln müssen, weil die ihren Kindern eine solche Realität nicht zumuten wollen, aus Angst, diese könnten dann zu dem gemacht werden, was sie in den Augen ihrer Eltern aber sowieso unmöglich werden können. Denn SIE haben ja die gute Erziehung genossen.

Hier könnte mein kleiner Vortrag nun sein Ende finden und jeder könnte sagen, „Da hat er recht – oder freilich auch nicht“

Ich will zurückkommen zu diesem wunderbaren Wort

Ubuntu.

Wir müssen innerhalb unserer Gemeinschaft darauf achten, dass wir uns nicht nur noch um unsere Identitäten und deren Verletzlichkeit in Abgrenzung zu den anderen, vermeintlich stärkeren, kümmern.

Dass wir nicht in eine erlernte Hilflosigkeit fallen, die nur noch Anklage zulässt, wenn es mal nicht so läuft, unser Gegenüber mal nicht den richtigen Ton trifft oder das falsche Wort benutzt oder einfach auch anderer Meinung ist. Wir müssen nicht gleich die ismus-Keule zur Verteidigung auspacken, sondern dem anderen gerade dann zuhören, wenn er nicht mehr zuhören will. Das ist die Kunst. Balance.

Balance zwischen wir und ihr, zwischen mir und uns. Wir müssen in der Lage bleiben auf das Gemeinsame zu schauen, dass wir mit vielen anderen haben. Aber dafür müssen wir die Identitätsfragen dann auch mal innerhalb unserer Gemeinschaft ein Stück weit hintan stellen können, dort wo es geht. Andere aus dem Schatten holen, selbst auch mal zurücktreten. So wichtig ist niemand!

Und wir müssen uns engagieren. Organisieren für die rainbow refugees, die gerade ein wunderbares Zuhause bekommen haben unter dem Dach der Aidshilfe, Kuchen backen fürs Switch, helfen im LSKH, das mit Förderung der Stadt und dem unermüdlichen Einsatz von helfenden der Community wieder ein weiteres Zentrum gibt, den Idahobit organisieren, anpacken für den CSD oder ein queeres Sommerfest gemeinsam Schultern.

Gemeinschaft braucht Menschen, die gemeinsam schaffen, die bereit sind, Unannehmlichkeiten in Kauf zu nehmen, um noch mehr davon dem anderen zu ersparen. Solidarität.

Gemeinschaft, wenn jede und jeder seinen Teil dazu beiträgt, ist selbst belohnend, sie gibt zurück, vor allem dann, wenn es alleine nicht weitergeht. Wie wichtig sie ist, merkt man spätestens dann, wenn sie nicht mehr da ist.

Deshalb sollten wir aufhören, ständig zu fragen, ob es denn die Community noch gibt. Natürlich gibt es die Community.

Von den einzelnen Vereinen bis zu den Gremien, die Volkes Wille umsetzen, gibt es Community. Wir haben in den vergangenen Jahrzehnten eine Emanzipation geschafft, die doch ihresgleichen sucht, haben die Aidskrise der 80er und 90er durchgestanden und tun es heute noch, die Ehe für alle geschafft, den nach §175 zu Unrecht verurteilten zu ihrem Recht verholfen, die dritte Option ist geurteilte Sache und die Störung der Geschlechtsidentität wird aus dem Katalog der ICD 11 verschwinden, um einige zu nennen.

Natürlich gibt es die Gemeinschaft.

Sie hat so viele Facetten und jede Facette hat für jede und jeden ihr farbiges und ihr graues, ist verschieden, divers, deshalb nicht besser oder schlechter, mehr oder weniger – eine eigene Identität eben. Die ist nicht verhandelbar, aber sie darf verhandeln. Und sie muss verhandeln, immer wieder, und zwar offen, ehrlich und fair. Um des gemeinsamen Willens.

Das Wort Ubuntu bedeutet in etwa „Menschlichkeit“, „Nächstenliebe“ und „Gemeinsinn“ sowie die Erfahrung und das Bewusstsein, dass man selbst Teil eines Ganzen ist. „Wie kann einer von uns froh sein, wenn all die anderen traurig sind?“

Be Ubuntu, Happy Pride

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